"Auch Autos werden müde und müssen für Reparaturen ruhen" – so veranschaulichte der Mediziner Hans Selye 1952 seine neue Theorie des Stress-Syndroms, das universelle Regeln für Belastungs- und Anpassungsreaktionen im Körper beschreiben sollte. Den Materialwissenschaften begrifflich entlehnt, stand Stress von Anfang an in enger Verbindung mit den technologischen Entwicklungen der (post-)industriellen Moderne.
Dabei ist es das Versprechen, die persönliche Anpassungsfähigkeit steigern zu können, das Stress ab den 1970er Jahren zunächst in der Arbeitsmedizin zum Erfolgskonzept machte. Auch elektronische Messverfahren, die körperliche Funktionen wie Pulsschlag und Atem quantifizier- und kontrollierbar machen, sollen seither dabei helfen, das Verhältnis von Entspannung und Belastung zu optimieren.
Als widersprüchliche "Zivilisationskrankheit", die sowohl systemische Kritik als auch Leistungsstärke und Fortschritt ausdrückt, verließ der Begriff schnell seinen ursprünglichen physiologischen Kontext. Auch Gesellschaften, Gesundheitssysteme, Banken und das Klima stehen heutzutage unter "Stress", haben "Stressszenarien" oder werden "Stresstests" unterzogen, um ihre Leistung am Rande der Belastbarkeit zu beweisen.